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Eröffnungsvortrag - DFG Forschungsgruppe 2973 - 01.07.2021

Festvortrag - DFG Forschungsgruppe 2973 - 01.07.2021

Eröffnungsveranstaltung der Forschungsgruppe 2973 der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Katholischsein in der Bundesrepublik Deutschland. Semantiken, Praktiken, Emotionen in der westdeutschen Gesellschaft 1965 – 1989/90“

Donnerstag, 1.7.2021, 19.00 Uhr: Eröffnungsvortrag


Prof. Dr. Gerd-Rainer Horn, Institut d'Études Politiques de Paris (Sciences Po)

„Linkskatholizismus und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Westeuropa. Interessen und Verbindungen, Unterschiede und Ähnlichkeiten“


DFG-Forschungsgruppe 2973 „Katholischsein in der Bundesrepublik“ stellt sich der Öffentlichkeit vor

„Katholisch“ und „links“: das ist – Stand der Dinge heute – nicht das erste, was man miteinander in Verbindung bringt. In den 1960er bis 1980er Jahren war das anders. Einen unkonventionell engagierten Linkskatholizismus als starke soziale Bewegung wahrzunehmen: Mit diesemThema stellte sich die DFG-Forschungsgruppe 2973 „Katholischsein in der Bundesrepublik Deutschland“ am 1. Juli 2021 der Öffentlichkeit vor. Immer wieder hatte die Corona-Pandemie dem Ereignis einen Riegel vorgeschoben; nun wollten wir nicht länger warten.

Prof. Dr. Gerd-Rainer Horn, renommierter Zeithistoriker am Institut d’Études Politiques de Paris (dem berühmten „SciencePo“), arbeitet nach vielen Jahren in England, Belgien und den USA seit 2013 am dortigen Département d’Histoire zu den Schwerpunkten Politik- und Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

In seinen zahlreichen Monografien, unter anderem der jüngsten, soeben bei Oxford University Press im Erscheinen begriffen, befasst er sich mit der europäischen Linken und den Friedens- und Umwelt- Bewegungen, mit der Studenten-/Studentinnen-Revolte der 1968er Jahre in Westeuropa und Nordamerika, aber auch mit den Kämpfen sozialistischer Befreiungsbewegungen gegen den europäischen Faschismus seit den 1930er und 1940er Jahren.

Das„Haus der Geschichte“ in Bonn war der geeignete Ort, dem Hybrid-Format des Vortrags einen hoch professionellen Raum zu eröffnen. Was Pandemie-bedingt notwendig war – achtsame Präsenz und live-Übertragung im Internet –, hat unter Zeithistoriker*innen und in der Öffentlichkeit das Interesse gesteigert und die Teilnahme erleichtert. Im Podiumsgespräch Gerd-Rainer Horns mit dem Forschungsgruppen-Sprecher,Prof. Dr. Andreas Holzem (Tübingen), und der Historikerin und Politologin Sandra Frühauf (FOR 2973, Hamburg/Münster), zeigte sich: In den langen 1960/70er Jahren gehörten in Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden linke katholische Sozialbewegungen zur Spitze eines des breiten gesellschaftspolitischen Umbruchsprozesses. Es zählte zu den aufschlussreichen transnationalen Einsichten des Abends, dass dies im konfessionell paritätischen und politisch geteilten Deutschland nicht weniger intensiv, aber anders organisiert war. Die Teilung Deutschlands an der Nahtstelle der System- und Militärblöcke und die drängende Verpflichtung zur Ökumene gaben dem „Links-katholisch-sein“ in Deutschland eine andere Bedeutung als in anderen westeuropäischen Ländern.

Die Aufbruchsimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden hier einerseits von breit rezipierten katholischen Theologen wie Karl Rahner und Johann Baptist Metz sowie andererseits von zahlenmäßig eher klein bleibenden Studenten- und Priestersolidaritätsgruppen weitergetragen. Linkskatholizismus hat sich in Westdeutschland vorrangig in eine Kontroverse über innerkirchliche Reformen eingebracht. Die Theologie als soziale Praxis gehört daher zu den Forschungsaufgaben der FOR 2973 ebenso wie der umkämpfte Wandel von Rollen und Ritualen kirchlichen, generell religiösen Sprechens und Handelns.

Wenig bekannt ist darüber hinaus – im von Rainer Horn angestoßenen transnationalen Vergleich –, wie sich „Katholisch sein“ nach dem Ende des „klassischen Katholizismus“ in die sozialen Bewegungen der Bundesrepublik einbrachte, wie sich die Mitarbeit in der Friedens- und Umweltbewegung, bei den entstehenden Grünen, in den bildungspolitischen Auseinandersetzungen oder in den Clashs der Großstädte gestaltete. Das soziale Engagement, die politische Kultur und das religiöse Potential dieser nicht nur innerkirchlichen, sondern auch gesellschaftlichen Transformationen gehört daher zu den offenen Fragen, denen wir im Rahmen der Forschungsgruppe nachgehen.


Weitere Informationen zu einer Aufzeichnung der Veranstaltung folgen in Kürze an dieser Stelle!